Der König und der Schmetterling

 

Inhalt: Auf ungewöhnliche Art und Weise, manchmal überraschend, aber stets fließend, verknüpft der Autor Wolfgang Brunner die Liebesgeschichten dreier Paare zu einem großen, umfassenden Ganzen. Das zauberhafte Märchen von Zira und dem König, die intensive Begegnung zwischen Maria und Bernhard, der tiefe Einblick in die Welt von Sara, Manuel und ihrem kleinen Sohn Tristan - sie alle entführen in unterschiedliche Epochen. Zahlreiche kürzere Märchen, sorgsam eingeflochten, unterstreichen dabei die Botschaften der Haupthandlungsstränge. Den Leser erwartet ein Werk über die Liebe, das Leben und die Freiheit, dessen Anspruch es ist, im Herzen zu berühren und zum Nachdenken anzuregen ...

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Preis: 4,99 €

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Paperback:

ISBN: 9783948540043

Seiten: 292

Preis: 16,90 €

Hardcover:

ISBN: 978394854005

Seiten: 292

Preis: 25,90 €

Nähere Infos zum Autor finden sich hier.

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Wir schenken allen Interessierten eine XL-Leseprobe in Form eines Märchens. Natürlich aus dem obigen Buch.

Viel Freude damit.

Ein einfacher Zauber

 

Es war einmal ein Zauberer mit Namen Pasal, der über Jahrhunderte hinweg der einzige seiner Art war. Er erfreute die Menschen durch die Kunst, ihnen Wünsche zu erfüllen, die in der Regel unerfüllbar schienen. Nicht selten ging es um Reichtum, Macht oder Gesundheit. Und der Magier tat sich leicht, jene Bedürfnisse zu befriedigen. Doch obwohl sein Zauber einfacher Natur war, wusste niemand außer ihm, wie er es letztendlich schaffte, den Wünschenden zu geben, was sie verlangten.

Pasal wohnte in einem Turm, vor dem ihn die Bittsteller aufsuchen konnten. Deren Anzahl wuchs stetig, denn im Laufe der Jahre wuchs auch die Bevölkerung im Land.

So kann das nicht weitergehen, dachte er eines Tages. Ich bin erschöpft. All diese Menschen. Von morgens bis abends ersuchen sie mich um Hilfe. Ich muss mir überlegen, wie ich das in Zukunft meistern kann.

Er saß in seinem Turm und grübelte einige Abende darüber nach, bis er zu dem Entschluss kam, sich einen Lehrling als Gehilfen zu suchen.

Ich werde den König bitten, seinen Rufer verkünden zu lassen, dass drei junge Männer bei mir vorstellig werden sollen, um ihre Künste zum Besten zu geben.

Und so machte sich Pasal am nächsten Tag auf den Weg zum König und ließ eine Ansammlung von Menschen vor dem Eingang seines Turmes ohne Erklärung zurück. Sie sahen ihm verwundert nach, doch sie warteten, ohne zu murren, bis er wieder heimkam, um zumindest einem Teil von ihnen ihre Wünsche zu erfüllen.

Als die Sonne untergegangen war, ließ Pasal nachdenklich seinen Blick über das vor ihm liegende Land schweifen.

Wenn die Menschen wüssten, wie einfach es ist, Wünsche zu erfüllen. Sie denken, ich vollbringe Wunder, doch in Wahrheit zeige ich ihnen nur, dass die Macht in ihnen selbst steckt, in dem ich ...

Unerwartet klopfte es an der Tür und Pasal rief: »Wer besucht mich da mitten in der Nacht? Ein Bittsteller?«

»Nein, das Gegenteil ist der Fall«, antwortete eine ihm unbekannte Stimme und der Zauberer öffnete.

Voller Erstaunen sah er in das Antlitz eines fremden Jünglings, der kurz darauf ehrfürchtig den Kopf vor ihm neigte.

»Wer bist du und was führt dich zu so später Stunde noch zu mir?«, fragte Pasal.

»Eine Eingebung«, erwiderte da der Knabe. »Ich habe vernommen, dass Ihr einen Gehilfen sucht.« Er blickte auf und sah den Magier aus ehrlich wirkenden Augen an. »Ich fühle mich dazu berufen, diese Aufgabe zu übernehmen.«

»Es haben sich bereits drei Männer gemeldet. Morgen werden sie mir ihr Können beweisen. Es tut mir leid, aber du bist zu spät«, entgegnete Pasal und wollte die Tür wieder schließen.

»Haltet ein, großer Meister«, erwiderte der junge Mann mit schneller Zunge. »Ich verspreche euch, Ihr werdet es niemals bereuen, wenn ihr mich ebenfalls zum Wettkampf antreten lasst. Denn ich bin es, der an eurer Seite arbeiten wird, da ich das Geheimnis eures Zaubers kenne.«

Pasal hob erstaunt die Augenbrauen und musterte den Jüngling eindringlich. »Wie ist dein Name?«

Daraufhin lächelte dieser und sagte: »Jener ist im Augenblick nicht wichtig. Merke dir einfach: Ich bin die Pflanze, die auf den meisten Gräbern wächst!«

 

*

 

Der nächste Tag brach an und die vier Bewerber standen vor dem Turm des Zauberers.

Die üblichen Bittsteller hielten sich einige Meter im Hintergrund auf und bildeten eine erwartungsvolle Zuschauerschaft.

Der Zauberer nickte allen freundlich zu und wandte sich dann an die Jünglinge vor ihm.

»Ich heiße euch willkommen und bin äußerst neugierig, welche Künste ihr mir zeigen werdet, um mich zu beeindrucken.« Pasal hob die Hand. »Zu Anfang einer jeden Bewerbung bitte ich euch jedoch darum, mir in wohlklingenden Worten euren Namen zu umschreiben, ohne jenen direkt zu nennen.« Die gestrige Vorstellung des Fremden hatte ihn beeindruckt und auf diese außergewöhnliche Idee gebracht.

Lächelnd setzte er sich auf eine hölzerne Bank vor seinem Turm und warte geduldig, bis der erste Jüngling vortrat, sich verbeugte und sprach:

»Ich bin die Maske, die schöner glänzt als alle anderen.« Beschwörend hob der junge Mann die Hände gen Himmel, als wolle er der Sonne all ihre Wärme und ihr Licht entlocken. Dann deutete er auf Pasal und trug ein derart übertriebenes Lächeln zur Schau, dass in dem alten Magier sofort Argwohn aufkeimte.

»Dein Hut«, sagte der Jüngling dann. »Schaut in Euren Hut, ehrwürdiger Meister.«

Pasal erhob sich und tat, wie ihm geheißen und zur Freude der Zuschauer zog er ein zappelndes Kaninchen aus dem Inneren seiner Kopfbedeckung, das er hoch in die Luft hielt. Die Menge klatschte begeistert Beifall.

»Deine Zauberkunst ist gefällig«, bemerkte Pasal, ehe er das Tier zu Boden ließ und beobachtete, wie es hinter den Turm hoppelte. »Und nun sage mir noch einmal deinen Namen.«

»Ich bin die Maske, die schöner glänzt als alle anderen«, wiederholte der Bewerber mit kraftvoller Stimme.

Langsam ging Pasal auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen. »So, so ... du bist also die schönste, glänzendste Maske?«

Der Mann nickte und strahlte über das ganze Gesicht.

Pasal lächelte und wandte sich an die Menschenmenge, die gespannt sein Urteil über die Vorstellung erwartete.

»Ich werde euch nun seinen wahren Namen offenbaren!«, schrie er stattdessen. »Eine Maske, die schöner glänzt als alle anderen, wird auch Selbstsucht genannt! Doch Selbstsucht kann niemals anderen Menschen dienen!«

Der Zauberlehrling zuckte erschrocken zusammen.

»Hinfort mit dir!«, forderte Pasal ihn auf und der junge Mann zog grimmig von dannen.

Sodann trat der nächste der Anwärter an den Start. Er wartete, bis sich der Zauberer wieder auf der Holzbank niedergelassen hatte und begann mit seiner Vorführung.

»Ich bin das, was als Wahrheit gedacht ist«, stellte er sich knapp vor und vollführte eine schnelle Handbewegung in Richtung einer kleinen Ansammlung von Bäumen, die sich in der Nähe befanden. »Sieh dort, werter Meister«, wandte er sich unmittelbar danach an Pasal. »Ich habe etwas für dich in der Rinde einer dieser Eichen hinterlassen.«

Der alte Magier erhob sich, trat an den Baum und betrachte die großen, frisch eingebrannten Lettern im Holz. Ich bin das, was als Wahrheit gedacht ist!

Langsam strich Pasal über die noch warmen Vertiefungen und wandte sich den Zuschauern zu. »Ohne Zweifel ist dieser Bewerber ein großartiger Magier. Doch erkennt ihr nicht den Sinn seines Namens?«, rief er ihnen zu. »Was nur als Wahrheit gedacht ist, ist immer Lüge. Der echte Name dieses Mannes lautet daher Lüge! Wie sollte euch ein Lügner Wünsche erfüllen?«

Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge und auch der zweite Bewerber trollte sich davon. Ohne Umschweife trat der dritte in den Mittelpunkt.

»Wohl an«, forderte Pasal diesen auf. »So zeige mir die Magie, die in dir steckt.«

Der junge Mann nickte und breitete warm lächelnd beide Arme aus. So stand er eine Weile reglos da, eher er mit einer zauberhaft einschmeichelnden Stimme sprach: »Ich bin das Spiegelbild der Liebe.«

Er hielt einen Moment inne, bevor er seine Aufmerksamkeit den Zuschauern widmete, die voll Neugier den Atem anhielten.

»Seht her, was in meiner Macht steht«, flüsterte er und kniete sich auf den Boden. Mit beiden Händen streichelte er über das Erdreich zu seinen Füßen, das durch die vielen Menschen, die dort täglich auf Pasal warteten, kahl und öde war. Die Beschwörungsformel, die er dazu sprach, drang wohltönend an Pasals Ohren: »Zeig mir die Herrlichkeit, die in dir steckt. Hilf mir, die Gunst des Zauberers zu erlangen.«

Es dauerte nicht lange und kleine Sprösslinge schoben sich durch das Erdreich, um Minuten später bereits in voller Pracht zu erblühen. Im Nu erstreckte sich vor dem Turm ein Meer aus wundervollen Blumen. Die Zuschauer klatschten und johlten vor Freude und ihre Blicke richteten sich fast schon beschwörend auf Pasal, als wollten sie ihm damit signalisieren, dass er nunmehr endlich den richtigen Gehilfen gefunden hatte.

Doch der alte Magier schüttelte den Kopf und seufzte voller Wehmut.

»Strahlender Jüngling, was soll ich jetzt nur sagen? Der Versuch, mich mit der Schönheit von blühenden Blumen zu blenden, hat leider nicht funktioniert. Denn dich habe ich ebenfalls durchschaut. Wer sich Spiegelbild der Liebe nennt, ist von Hass durchdrungen. Und aus diesem Grund fordere ich auch dich auf, mein Grundstück zu verlassen.« Ein weiteres Mal wandte er sich an die Zuschauer. »Glaubt ihr wirklich, jemand, der von Hass erfüllt ist, könnte euch eure Wünsche erfüllen?«

Ein Raunen ging durch die Menge und binnen Sekunden richteten sich aller Augen auf den letzten Bewerber, nämlich den, der am Abend zuvor an des Zauberers Tür geklopft hatte.

Pasal lächelte ihm zu und plötzlich erfüllte ihn eine unabwendbare Gewissheit. Dieser junge Mann kannte es tatsächlich. Das Geheimnis seiner alten, aber einfachen Zauberkraft.

»Ich bin die Pflanze, die auf fast jedem Grabe wächst«, stellte sich der Jüngling erst dem Publikum und dann Pasal vor. »Mein Kunststück ist es lediglich, die Leistungen meiner Vorgänger kompromisslos anzuerkennen: ihre Zauberei, ihren Mut und ihren Ehrgeiz. Das ist meine Darbietung. Nicht mehr und nicht weniger.«

Er verneigte sich vor den umstehenden Menschen und anschließend vor Pasal, der mit klopfendem Herzen auf ihn zuging.

»Du hattest recht«, sagte er und schlug dem Jüngling auf die Schultern. »Ich erkenne deinen wahren Namen. Du bist, was den Toten widerfährt und eigentlich auch den Lebenden gehören sollte: Anerkennung. Deine Darbietung war die größte, die ich jemals als Zuschauer erleben durfte.«

Er wandte sich an die staunende Menge. »Ab morgen werden wir also zu zweit eure Wünsche erfüllen.«

Und während diejenigen, die nach der Erfüllung ihrer Wünsche gierten, im Hintergrund freudig aufschrien, ohne zu verstehen, warum es ausgerechnet dieser Bewerber es geschafft hatte, flüsterte Pasal seinem neuen Freund ins Ohr: »Woher wusstest du von meinem Geheimnis?«

Der junge Mann lächelte und sprach: »Wenn ich ehrlich bin, wusste ich es nicht. Aber ich hoffte, dass es dasselbe wie meines ist. Ich besitze eine gute Beobachtungsgabe, das ist alles. Wenn jemandem Anerkennung widerfährt, verspürt er unglaubliche Kraft, wächst über sich selbst hinaus und kann sich in der Regel all seine Wünsche ohne magische Zauberkräfte erfüllen.«

»Und indem wir den Bittstellern samt ihren Wünschen unsere Anerkennung zollen, festigen wir sie. Und stärken ihr Vertrauen in das Leben und all jene Möglichkeiten, die ihnen offenstehen.«

»Genau das tun wir«, stimmte der Jüngling zu. »Und wenn diese einfache Methode einmal nicht funktioniert, dann helfen wir eben ein wenig nach.«

Er zwinkerte Pasal zu und wandte seinen Blick zur Sonne, die daraufhin noch etwas mehr Licht und Wärme zu ihnen herabsandte.