Kapitel 1

 

August 2011, Gwen

Die Anstellung als persönliche Assistentin der Filmdiva Ellen Sloane verläuft minimal anders als vereinbart, bietet jedoch unbestrittene Vorzüge. Während Letztere auf der Yacht vermögender Freunde unter der aktuellen Hitzwelle rund um Miami leidet, darf ich den mindestens fünf Jahre lang nicht abgetauten, turmhohen Gefrierschrank in Ellens Küche von einer zentimeterdicken Eisschicht befreien. Per Hand und einem zirka dreißig Zentimeter langen Eispickel, pardon, Fleischermesser, denn die kräftezehrende, aber immerhin von eisigem Wasserdampf umwehte Säuberungsorgie, stellt lediglich einen winzigen Teil meiner heutigen anspruchsvollen Aufgaben dar.

Seufzend wische ich mir die Schweißtropfen von der Stirn und setze die Edelstahlklinge zum nächsten frostigen Einsatz an, als die massive Küchentür auffliegt und mit einem lauten Knall das dahinterliegende Mauerwerk trifft. Ich zucke zusammen und blicke auf Ben Swanson, der eine aufgeschlagene Hochglanz-Zeitschrift in der Rechten hält.

 

Ihm scheint bewusst zu sein, dass ich allein bin, denn unmittelbar nachdem er die Schwelle übertreten hat, platzt es aus ihm heraus: "Gwen! Ich habe es so satt ..." Mit energischen Schritten eilt er in meine Richtung, wirkt jedoch, was die Gesichtszüge betrifft, gleichzeitig müde und ausgelaugt. Zu viele Sorgenfalten auf einer eigentlich noch jungen Stirn ...

 

Schwungvoll landet die Zeitschrift auf dem Küchentresen in meiner Nähe, während Ellen Sloanes On-Off-Lebensgefährte, bekleidet in einem schlichten grauen Shirt und Jeans, sich gute zwei Meter entfernt, an einen der vielen modernen, nachtschwarz lackierten Schränke lehnt.

Ich lege mein Handwerkszeug beiseite und greife nach dem Blatt der Verdammnis.

„Lies!“ Bens Stimme duldet keinen Widerspruch.

 

Ich folge der Aufforderung, blicke jedoch zunächst auf mehrere Hochglanzfotos von Ellen. Ihre wie immer kerzengerade gestreckten 166 Zentimeter stecken zum Teil in einem feuerroten Etuikleid, die zierlichen Füße mit den grell lackierten Zehennägeln in hochhackigen High Heels aus silberfarbenem Leder. Ellens glänzende blonde Mähne, sorgsam drapiert, fällt glatt und ohne jeden Makel über eine ihrer Schultern und dem daran anschließenden nackten Oberarm. All das, während die hellblaugen Augen plus der Rest ihres Gesichtes strahlen, als wäre das Leben ein einziges Fest der Liebe.

 

Gleich darüber prangt die passende Headline: Wer braucht schon Las Vegas zum Glück? Ellen Sloanes intimste Beichte.

 

Weiter unten folgt schließlich ein launiges Interview, indem mein weiblicher Boss betont, dass sie fast wöchentlich Bens flehentliche Kniefälle abwehren muss, weil sie von Standesamt und Kirche gar nichts hält. Ihr privates Glück sei auch ohne Papiere perfekt ...

 

Ein bitterböses Märchen, dass Ellen außerhalb ihres Palastes jedermann erzählt. Ohne dass Ben ihr in der Öffentlichkeit widerspricht. Sogar vor seinen Geschwistern und seinem Vater verschweigt er einen Teil der bitteren Wahrheit, denn Ben hat viel zu verlieren. Nämlich das, was ihm am liebsten ist.

 

„Hm ...“ Ich hebe den Kopf und blicke direkt in seine tiefbraunen Augen, die mich auffordernd ansehen. Letztere bilden einen interessanten Kontrast zu seinem blonden, halblangen, gewellten Haar und seiner männlichen, jedoch zeitgleich jungenhaften Gestalt.

 

Wieder einmal stelle ich fest, dass wie sehr er typmäßig Heath Ledger ähnelt.

 

„Ich ertrage es nicht mehr ...“ wiederholt Ben in diesem Moment. „Sie hat schon wieder gedroht, mit den Kindern nach Kalifornien zu ziehen, wenn ich nicht spure. Du wirst Jake und die Zwillinge nie wiedersehen ...

 

Ich muss unwillkürlich lächeln, als er Ellens Stimme, samt dem oftmals dazugehörigen, betont brüskiert klingenden Befehlston, zu imitieren versucht, erwidere dann jedoch sachlich: „Ben, ich weiß nicht, was ich dazu noch sagen soll. Redet miteinander. Irgendwie. Nur so könnt ihr eure Probleme lösen. Das ist in einer Beziehung das ...“ .

„Du weißt, dass man mit dieser Egomanin nicht reden kann! Sie ist und bleibt eine Bitch!“ Ben unterbricht mich und seine Augen funkeln vor Wut. „Und diese Scheiße da ...“ Mit einer eindeutigen Kopfbewegung deutet er auf die Zeitschrift, die immer noch in meinen Händen ruht.

Ich seufze schwer, denn Bens Temperament ist mir bekannt. Anschließend füge ich nachdenklich hinzu: „Nun ja, wenn ihr verheiratet wärt, dann könnte sie zumindest nicht ständig damit drohen, dir die Kinder wegzunehmen ...“

„Du meinst die Zwillinge ...“ Ben wirft mir einen vielsagenden Blick zu, ehe er fortfährt. "Verdammt, Gwen. Du weißt, dass das mit den Heiratsanträgen gelogen ist ... und außerdem ....“ Der Mann vor mir verstummt und senkt den Kopf.

„Was?“ Irritiert frage ich nach. „Was ich gesagt habe, stimmt doch! Wenn ihr verheiratet wärt, wäre es nicht so leicht für Ellen, dich zu erpressen. Du bist ein prima Vater. Egal, wie sehr Ellen, Sabrina und Maggie hinter verschlossenen Türen über dich hetzen. Du liebst Jake und die Zwillinge! Und du machst deine Sache gut.“

Ben, der meist vorzieht, seine Tage im eigenen Stadthaus im angesagten Art Deco District zu verbringen, und Gwens Villa seit Wochen nur besucht, um den Schein zu wahren und den Kindern das Gefühl einer halbwegs intakten Familie zu vermitteln, hebt den Kopf. Diesmal ist sein Augenausdruck ernst. Sehr ernst.

„Gwen, du räumst seit deiner Einstellung die Decken und Kissen weg, mit denen ich auf der Couch schlafe. Jede Nacht. Und außerdem ...“ Erneut bricht er mitten im Gespräch ab, atmet dann jedoch tief durch und fügt hinzu: „Außerdem bin ich bereits verheiratet.“

Für einen Moment verschlägt es mir die Sprache. Bisher dachte ich, genau wie der Rest der Welt, Ben Swanson sei ein Mann ohne Altlasten. Ich runzele die Stirn und werfe ihm einen verständnislosen Blick zu.

„Ja ...“ Der Mensch mir gegenüber nickt. „Ich bin verheiratet. Schon lange. Und habe nicht vor, das zu ändern.“

Mir entfährt ein Schnaufen, ehe ich kopfschüttelnd erwidere: „Ein Irrenhaus, dieses Haus ist ein Irrenhaus! Jeden Tag etwas Neues ... und nie ewas Normales ...“

Wir sehen uns stumm in die Augen und plötzlich ändert sich die Stimmung. Ein leichtes Grinsen umspielt Bens Mundwinkel. Und ich kann nicht anders, als zurückzugrinsen.

„Und warum lässt du dich nicht scheiden?”

„Oh Gwen, das ist eine lange Geschichte ...“

„Na das glaub' ich dir gern ...“

Für ein paar Augenblicke erfüllt unser Lachen den Raum. Es ist wie so oft: Der immense Druck und die Sorgen, die uns beiden dank dank Ellen - in völlig unterschiedlichen Lebensbereichen - aufgebürdet werden, verschwinden. Zumindest temporär.

Ben und ich verstehen uns. Verbündete in der Hölle.

„Willst du hören, was ich zu meiner kubanischen Ehefrau zu sagen habe?“ Ben, dessen Mimik inzwischen wesentlich entspannter wirkt, nickt mir zu.

„Wenn du es mir erzählen willst ...“

„Natürlich ... “ Plötzlich fällt sein Augenmerk auf den offen stehenden Gefrierschrank. Und gleich danach auf das abgelegte Messer. „Was zum Henker machst du da eigentlich?“

„Hm ... ich wurde beauftragt, ein bestimmtes Elektrogerät in einen fabrikneuen Zustand zu versetzen. Bis heute Nachmittag muss das erledigt sein. Du weißt ja, die Köchin und die Putzhilfe sind seit Äonen verschollen. Da muss die persönliche Assistentin ran ..."

„Gwen ...“ In Bens Augen tritt ein Ausdruck des Mitleids.

„Sorg dich nicht. Es ist alles okay ...“

Das ist es natürlich nicht, aber Ben Swanson hat von uns beiden beileibe die schlechteren Karten gezogen. Und ich möchte ihm keinesfalls zusätzliche Sorgen bereiten.

Kapitel 2

April 2020, Gwen

 

 

23:45 Uhr. Ich sollte schlafen, aber es funktioniert nicht.

 

Das Virus breitet sich aus und mein alter Dad Ernest und ich haben den ganzen Tag überlegt, ob die gebeutelten Menschen in der Krise weiter selbstzubereitetes Hunde- und Katzenfutter kaufen werden. Ein Produkt, dass zugebenermaßen um einiges teurer ist als das, was große Hersteller tonnenweise zusammenmischen und millionenfach produzieren.

 

Vor genau sieben Monaten wurde das Business "Ein Koch für vier Pfoten" gestartet. Und Ernest' "Einstellungsgespräch" wird mir auf ewig im Gedächtnis bleiben.

 

"Kind. Hast du kurz Zeit?"

 

"Klar Pa, aber das mit der Anrede müssen wir noch üben. Ich bin 'drei mal 7' alt ..."

 

"Papperlapapp." Ernest wischt energisch mit der Hand durch die Luft. "Und jetzt hör zu Kind! Seit Ma tot ist, fällt mir die Decke auf den Kopf. Und seit Wochen schwebt mir die Idee im Hirn herum, eine Futtermittelmarke zu gründen. Eine von diesen kleinen ... mit den besonders schön verpackten Dosen. Und viel gutem Fleisch als Inhalt. Dazu Obst, Kräuter ... du weißt schon, all diese Sachen auf die wir achten, wenn wir für Lucy und Lines einkaufen."

 

Lucy, die alte Perserkatze und Lines, der große Labrador-Mix aus dem Tierheim, sind Ernest vierbeinige Lieblinge und haben sich längst auch in mein Herz geschlichen.

 

"Alleine kann ich das nicht stemmen", meint Ernest nun. "Aber jetzt, wo du wieder mit im Haus lebst ... Außerdem muss etwas gefunden werden, von dem du später leben kannst. Tja, eigentlich sollte ich Greg dankbar sein ..." Ernest lächelt. "Hilfst du mir?"

 

Für einige Sekunden wandern meine Gedanken zu dem erwähnten Greg. Sowie zu Zara, meiner ehemals besten Freundin, die mich inzwischen Frau an seiner Seite abgelöst hat. Und begeistert die Werbeagentur mit ihm führt, die er und ich vor fünf Jahren gegründet haben. In meiner Brust schlagen keinerlei romantischen Gefühle mehr für Greg. Und ich bin froh, aus der Agentur ausgestiegen zu sein. Für drei Bosse ist diese einfach zu klein.

 

Ich lächele leise, was mir als abgeklärte Seele leicht fällt. Nicht umsonst lautet die Devise in unserer Familie: Wenn ein Sturm aufzieht:. Durch. Ohne Schirm. Dahinter wartet der Sonnenschein.

 

"Wobei soll ich genau helfen, Pa?"

 

"Na bei der Werbung, diesem Marketing, wie du es nennst. Und bei der Aquise. Du hast mehr Charme als ich. Dafür kann ich besser kochen."

 

Was kein Wunder ist, denke ich belustigt, denn Pa war gut 30 Jahre lang als Koch beschäftigt. In mehreren guten Restaurants. Sein Umgangston ist manchmal etwas ruppig, aber als Küchenchef darf man wohl nicht zimperlich sein, wenn die Koordination eines vielköpfigen Teams angesagt ist. Sowie im Gastraum Dutzende Mägen knurren. Und etwas davon ist hängengeblieben.

 

"Okay Pa, bin dabei", antworte ich schließlich und freue mich, als mein Erzeuger betont, dass ich später einmal die Dosenqueen von Frontville sein werde. Einem lauschigen Örtchen in Florida, das gerade mal 3424 Einwohner zählt.

 

"Dosenqueen ..." flüstere ich, drehe mich auf den Rücken und starre an die weißgetünchte Decke. Jene scheint leicht zu schimmern, denn der Mond wirft sein Licht durchs geöffnete Fenster.

 

Wäre nur die Krise nicht! Gerade jetzt, wo die ersten Stammkunden gewonnen sind, sich die Arbeitsabläufe ineinanderfügen ...

 

Angst um unsere Gesundheit haben weder Ernest, noch ich. Was überwiegt, ist die Sorge um die neu aufzubauende Existenz.

 

Mein Blick fällt auf den Wecker neben mir. Zwei Uhr.

 

Geh zu Insta, lenk dich ab, meldet sich eine innere Stimme.

 

Dabei bin ich überhaupt kein Fan der Sozialen Medien. Und genieße aktuell die Zurückgezogenheit. Ein paar flüchtige Bekannte aus der Werbebranche mit denen ich online Kontakt halte, und zwei Freundinnen aus alten Schulzeiten reichen mir.

 

Der Rest der gerade mal 199 “Gefolgten” in meinen Profil sind Menschen, die ich vermutlich nie kennenlernen werde, aber die zumindest gewisse Hobbies mit mir teilen. Tiere, Natur ...

 

Bis Januar waren es sogar 200. Haha. Doch Dave Hanson, mein erster und einziger ernstzunehmender Flirt nach der Trennung von Greg, ist inzwischen Geschichte. Per Tastendruck ins Jenseits befördert. Sozusagen. Eine seltsame Online-Geschichte, die zum Glück beendet ist.

 

Ja, so zufrieden, fröhlich und ausgeglichen wie jetzt, war ich selten im Leben ... wenn da nicht das Virus wäre.

 

Das Smartphone in meiner Hand ist inzwischen hochgefahren und ich beschließe, auf Instagram nach Tierfotografien zu suchen.

 

Kurze Zeit später betrachte ich Frösche, Giraffen, Vögel, Panther, Schnecken, gähne ab und an ... und ...

 

Hey! Was ist das? Ist das wirklich Frank Combes, der da mit einer schwarzen Katze auf dem Arm an einer Hauswand lehnt? Fülliger und faltiger als in seinen Glanzzeiten, aber unverändert mit einer maskulinen Ausstrahlung gesegnet. Franks Darstellung als Bandenboss in “Dwight Myers”, einem genialen Western des Kultregisseurs Zack Hemshaw gilt als legendär.

 

Und an die wundervollen Augen und das umwerfende Lächeln des Filmstars kann ich mich - wie Millionen andere Zuschauer - sehr genau erinnern. Sowie an diverse Schlagzeilen, die es vor wenigen Jahren regnete, bei Franks Trennung von seiner Langzeitgefährtin, einer bekannten Malerin.

 

Ich lese den Begleittext zum Post und erfahre, dass die Katze Cleo heißt, als erwachsenes Straßentier von Frank adoptiert wurde, und inzwischen um die 13 Jahre auf dem eigensinnigen Buckel hat.

 

”Süß ...”, schießt es mir durch den Kopf und ich scrolle ohne zu überlegen durch das nahbar wirkende Star-Profil.

 

Dabei like ich spontan mehr als zwei Dutzend Posts. Beiträge, die ehrlich und stellenweise sehr humorvoll wirken. Einfach nur nett, könnte man ersatzweise sagen ...

 

Hätte ich an diesem Tag gewusst, dass eine von Hass zerfressene Ellen Sloane längst jeden meiner Schritte beobachtet, egal ob online oder offline, dann hätte ich das Smartphone vermutlich in die nächstbeste Ecke geworfen. Doch ich weiß es nicht, und die bösartigste aller Ellen Sloane-Inszenierungen nimmt weiter ihren Lauf. Während Ben Swanson, der Ellens präzisen, heimtükischen Attacken bereits zum Opfer gefallen ist, längst in dunkler Erde ruht.