Mente Alienari

Mit "Mente Alienari" hat die Autorin Monika Grasl einen unterhaltsamen Historienkrimi geschaffen, der die Bigotterie innerhalb der mittelalterlichen Kirche mehr als einmal verdeutlicht. 

 

Inhalt: Wien und seine Vororte im Jahre 1683. Die Angst vor einer Belagerung durch die Osmanen geht um. Gleichzeitig stirbt der junge Toni Steiner einen gewaltsamen Tod. Hauptmann Florentinus Moser, neu im Amt und nunmehr für die Sicherheit der Bürger von Hernals zuständig, macht sich an die Aufklärung des Falles. Ihm zur Seite steht der verrufene, aus der Standesgilde ausgeschlossene Bader Alois Wolf, der vor allem dem hiesigen Pfarrer und dem Gemeinderat ein Dorn im Auge ist. Kurz nach Tonis Tod wird eine weitere Leiche gefunden, diesmal gekreuzigt. Schnell führen die Ermittlungen zu einer Person, die offensichtlich dem Wahnsinn verfallen ist, was jedoch längst nicht das Ende der Gewalt bedeutet …

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Paperback:

 

ISBN: 9783948540111

Seiten: 232

Preis: 15,90 €

 

Hardcover:

 

ISBN: 9783948540142

Seiten: 232

Preis: 24,90 €

Nähere Infos zur Autorin finden sich hier.

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XL-Leseprobe:

01. April 1683

Kurz vor Mitternacht, Vorort Hernals

 

Nebelschleier zogen durch die engen Gassen des Wiener Vororts Hernals. Die Nacht hatte sich bereits vor Stunden über die Häuser gelegt. Kaum ein Fenster zeigte mehr den Schein einer Kerze, und in den engen Gassen herrschte eine fast unheimliche Ruhe.

Gegenwärtig streifte einzig ein Fuchs zwischen dem Unrat auf der Straße umher. Seine Schnauze wühlte immer wieder in den Abfällen nach Essbarem, während die unablässig zuckenden Ohrmuscheln den nächtlichen Eulenrufen folgten. Plötzlich schnellte der Kopf des Wildtieres in die Höhe. Es horchte aufmerksam, während es langsam eine seiner Pfoten hob, bereit zum Sprint.

Eilige Schritte hallten durch die beengten Freiflächen zwischen den Häusern. Sie vermischten sich mit einem unablässigen Keuchen und wüstem Geschrei. Meister Reineke wartete nicht ab, um herauszufinden, was vor sich ging. Er nahm Reißaus und stob davon. Dabei verschwendete er keinen Blick zurück. Somit entging ihm, wie ein Bursche in der Mitte der Gasse zum Stehen kam. Der junge Mann keuchte, und die braunen Augen bewegten sich nach allen Seiten, auf der Suche nach seinen Verfolgern.

Scheinbar hatte er diese abgehängt. Doch wie lange? Dem fünfzehnjährigen Toni Steiner stand nicht der Sinn danach, darauf eine Antwort zu finden. Andererseits stach seine rechte Seite heftig, die Lungen schmerzten bei jedem Atemzug und der Schweiß lief ihm den verschlissenen Hemdkragen hinab.

In Anbetracht seiner Lage hätte er genauso gut zur Stadtmauer fliehen können. Eine der Wachen am Tor hätte ihm vielleicht beigestanden. Oder ihn zum Teufel gejagt. Die Aussicht auf eine baldige Belagerung durch den Feind ließ die dortigen Bediensteten aggressiver als gewöhnlich vorgehen. Insbesondere zu solch später Stunde. Doch er hatte ein anderes Ziel gewählt und gab sich keiner überflüssigen Hoffnung hin. Wenn er am Leben bleiben wollte, musste er laufen. Er musste es nach Hause schaffen. Unbedingt! Hinter die schützenden Mauern des trauten Heims seiner Mutter. Denn hier auf der Straße erwartete ihn nichts als der sichere Tod.

»Wo ist er hingerannt?«, schallte es da plötzlich aus einer Seitengasse hervor.

Toni wollte die Antwort nicht hören. Er wandte sich ab und lief an mehreren Häusern vorbei. Bei einem brannte eine Kerze im Fenster. Toni unterbrach seinen Lauf, hob die sonnengebräunte Hand und schlug mehrmals gegen die Eingangstür, doch einen Ruf verkniff er sich. Allein das Klopfen barg bereits die Gefahr, die Verfolger auf sich aufmerksam zu machen.

»Da vorne! Ich glaube, da ist er«, hörte er eine tiefe Stimme rufen.

Tonis Kopf zuckte herum und sein kurzes, blondes Haar stob zur Seite, als er in die Richtung blickte, aus welcher die Antwort erfolgt war. Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken. Das Licht der Fackeln bewegte sich durch die enge Gasse in seine Richtung. Die Schatten der Verfolger zeichneten sich bereits auf dem Boden ab, Unheil verkündende Silhouetten. Neuerlich schlug Toni gegen das Holz, doch dahinter rührte sich nichts.

Wütend wich er zurück und hielt nach einem anderen, tieferen Hauseingang Ausschau. Vielleicht konnte er sich in einem solchen verbergen! Und falls er am Leben blieb, so schwor er sich in jenem Moment, würde er sein Dasein in eine bessere Richtung lenken. In eine Richtung, in der er nicht das wenige Geld seiner Mutter beim Kartenspielen verprasste und sich Nacht für Nacht bei den Huren der Gemeinde vergnügte. Außerdem würde er seine zahlreichen Schulden begleichen und im Wirtshaus zur Hand gehen.

Um all diese Vorhaben umzusetzen, musste er jedoch am Leben bleiben.

Da! Der großgewachsene Bursche erspähte am Rande seines Blickfeldes einen langgestreckten Hauseingang. Vielleicht stand es doch nicht so schlecht um sein Schicksal! Er kannte das Tor, welches an dessen Ende lag. Es führte direkt in den Hof des Müllerbauern. Ein herrischer Mann, der wenig für seine Mitmenschen übrig hatte. Die Dunkelheit der Nacht ließ den alten Suderer sicher in seinem Bett liegen, nichtsahnend, was auf der Straße vor sich ging.

Toni rannte los und drückte wenig später den Rücken an den rauen Untergrund des Tores. Einige Holzspäne stachen durch das dünne Hemd, während er versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Ein schwieriges Unterfangen. In seinen Ohren dröhnte der eigene Herzschlag und jeder hektische Atemzug erschien ihm lauter als der vorherige.

»Da drüben!«

Tonis Lider schlossen sich. Er schickte ein stummes Gebet zu Gott, dass dieser die Hand schützend über ihn halten möge.

Doch sein Flehen wurde nicht erhört. Eine starke Hand landete auf seiner Schulter, während er zeitgleich auf die Straße gezerrt wurde. Mit Schwung landete Toni auf dem Hintern und getraute sich nicht, die Augen zu öffnen.

»Na, wen haben wir denn da? Wenn das nicht der junge Steiner ist«, ertönte die allzu bekannte Stimme von Otto Winkler, und sie klang schneidend. »Hast dich doch nicht etwa vor uns versteckt, oder?«

Toni blieb dem um acht Jahre älteren Mann eine Antwort schuldig. Was hätte er auch sagen sollen? Die Wahrheit? Natürlich befand er sich auf der Flucht vor genau diesen Männern. Immerhin hatte er Otto vor einer guten Stunde beim Schnapsen betrogen. Dabei konnte Toni wahrlich nichts dafür, dass der stämmige Mann zwar über zahlreiche Muskeln, aber wenig Verstand verfügte. Somit war es ein Leichtes gewesen, zwei Asse ins Spiel zu schummeln, ohne dass Otto es merkte. Und wer hätte schon ahnen können, dass einer der anderen Mitspieler umso aufmerksamer war? Toni war es gerade so gelungen, ungeschoren aus dem Wirtshaus herauszukommen. Doch nun hatte ihn das Glück wohl endgültig verlassen. Immerhin standen ihm zwei kräftige Feldarbeiter und ein Stallknecht gegenüber.

»Kannst froh sein, dass i dir noch nicht ålle Knochen brochen håb, du verdammter Fuchs«, murrte Otto und beugte sich zu ihm herab, in der einen Hand eine Fackel, die sein Gesicht ausleuchtete. Toni hielt die Lider nach wie vor geschlossen und versuchte, ein Zittern zu unterdrücken.

»Schau mi gfälligst an, wenn i mit dir red’!«

Jemand trat heftig gegen seinen Fuß, während ein anderer seinen linken Arm packte und auf den Rücken drehte. Toni riss die Augen auf. Ihm entwich ein Schrei, der sogleich von einer kräftige Pranke gedämpft wurde. Mühsam atmete er gegen die feuchte Handfläche, während der Geruch von Schnaps, Schweiß, fettigen Würsten und Erde seine Nase malträtierte.

»Du håst mir mei Geld gstohlen. Und wenn i nach dem geh, wås meine Freunde mir erzählen, das wohl kaum zum ersten Mål. I will die einhundert Pfennig z’rück.«

Toni wusste, dass sein Gegenüber damit den gesamten Betrag der letzten Wochen meinte. Heute hatte Otto nämlich nicht mehr als dreißig Pfennig verloren. Allerdings stellte das für einen Stallknecht eine beachtliche Summe dar. Erst recht, wenn zuhause Frau und Kinder saßen, deren Mäuler gestopft werden mussten.

»I håb die Summe nicht, Otto«, nuschelte Toni hinter der Hand hervor.

»Wås håst du g’sågt?«, fragte der stämmige Mann mit dem braunen Haar nach. Dabei bedeutete er seinem Kumpan, die massige Hand von Tonis Mund zu nehmen.

»I håb es nicht ...«, keuchte der.

»Und davon kånn i mir jetzt wås kaufen, glaubst du? I will mein Geld z’rück. Oder soll i zu deiner Mutter gehen?«

»Lass sie ja in Ruhe!«

Ein boshaftes Grinsen zeichnete sich auf Ottos Gesicht ab. »Sie ist zwar schon alt, aber schlecht schaut sie nicht aus. I bin mir sicher, dass da noch der eine oder andere von uns seine Freud hätt.«

»Nein!«, rief Toni voller Entsetzen und versuchte demjenigen, der ihn festhielt, den Ellenbogen in den Unterleib zu rammen. Vergeblich. Er verfehlte sein Ziel und traf nur dessen Oberschenkel.

Gleich darauf sorgte ein harter Nackenschlag für Sterne vor beiden Augen. Toni hustete erbärmlich, während Otto und dessen Freunde begannen, wütend auf ihn einzuprügeln. Von allen Seiten erfolgten Tritte und Schläge. Mehrere gegen seinen Schädel, doch die meisten richteten sich gezielt gegen den Brustkorb und Unterleib. Unerträgliche Schmerzen schossen durch Tonis Körper, während er wimmernd versuchte, wenigstens den Kopf zu schützen. Aber die vors Gesicht gerissenen Hände halfen nicht wirklich. Als er kurz davor stand, das Bewusstsein zu verlieren, spürte er plötzlich, wie er losgelassen wurde. Instinktiv rollte er sich zusammen wie ein Embryo, voller Angst vor dem, was noch kommen würde. Otto versetzte ihm einen letzten Tritt in die Nieren. Toni stieß einen hohen Schrei aus und blinzelte in die Höhe, wobei er im Schein der Fackel etwas aufblitzen sah. Gleich darauf drang die kalte Messerklinge mit einer heftigen Bewegung in seine Brust.

»Bist du deppat?«, hörte er einen der Männer rufen.

»Los, weg hier!«, rief Otto fast zur gleichen Zeit.

Toni blieb noch einen Moment stöhnend auf der Seite liegen, dann rollte er sich schmerzerfüllt herum. Er hörte die flüchtenden Schritte seiner Peiniger, während er selbst begann, vom Ort des Schreckens fortzukriechen. Eine seiner Hände landete dabei in etwas Weichem, von dem er nicht sagen konnte, ob es sich um Erde oder Fäkalien handelte.

Sein Körper sandte unablässige Wellen des Schmerzes aus. Jede Bewegung glich einer einzigen Qual. Doch Toni wollte nicht auf der Straße enden. Er wollte nicht in der Gosse sterben, auch wenn ihm das manch einer Zeit seines Lebens prophezeit hatte. Nein. Er musste die schützenden Mauern des trauten Heimes erreichen. Mutter würde wissen, was zu tun war. Sie hatte bereits den Vater nach einem Messerstich am Leben erhalten. Immerhin drei Tage lang. Vielleicht würde es ihr diesmal sogar gelingen, ihn, den Sohn durchzubringen. Ja, sicherlich! Er war jünger und kräftiger.

Unablässig zog er sich weiter über den unebenen Grund. Loser Staub presste sich in die frische Stichwunde unterhalb seiner Brust. Doch die Gefahr einer eiternden Wunde störte Toni nicht. Zur Not würde Mutter sicher ein paar Pfennig für irgendeinen Bader aufbringen, der bessere medizinische Kenntnisse besaß. Er stöhnte, dachte wieder daran, hernach sein Leben zu ordnen. Aber erst, nachdem er Otto und dessen Freunden die Kehle aufgeschlitzt habe. Denn keiner von ihnen würde ungestraft davonkommen, egal, wie elend es ihm momentan auch ging.

Tonis unregelmäßiges Ächzen stellte die einzige Geräuschkulisse in der leicht nebelverhangenen Straße dar. Selbst die Eulen waren mittlerweile verstummt.

Plötzlich drang ein schnüffelnder Laut an Tonis Ohren. Er erstarrte mitten in der Bewegung und drehte mühsam den Kopf nach rechts. Eine Schnauze bewegte sich vor seinem Gesicht. Das Schwarz der Nase strich über seine blutende Wange. Gleich darauf ertönten ein Winseln und ein leises Trippeln.

»Weg«, murmelte Toni und kroch weiter.

Sein Mund fühlte sich trocken an, während der Fuchs scheinbar ungerührt neben ihm her tänzelte. Sogar als ein erster Regentropfen auf Tonis schmutziger Hand landete, blieb das Tier an seiner Seite. Es schien zu wissen, was geschehen würde.

Kurz darauf verließen Toni die Kräfte. Seine Finger krallten sich in die dreckige Erde. Warum hat Mutter mich nicht in der Innenstadt zur Welt gebracht? Dort wäre etwas aus mir geworden. Ein angesehener Handwerker, vielleicht sogar ein Pfarrer ...

Angestrengt zog er den Atem ein, rollte sich auf den Rücken und starrte hoch zu den Sternen. Seine Linke krampfte sich über der Wunde zusammen, während er zu husten begann. Ein Schwall kostbaren Lebenssaftes quoll aus seinem Mund und rann über die Wangen hinab in den Schmutz. Die Strecke vom Müllerbauern bis zu seinem derzeitigen Platz war gezeichnet von einer weitaus größeren Blutspur, die sich im fahlen Mondlicht unheilvoll abzeichnete. Ein letztes Mal bäumte Toni sich gurgelnd auf. Hernach lag der Körper des Steinerjungen still, die nunmehr leblosen Augen starr auf den Himmel gerichtet. Stärkerer Regen setzte ein und der Fuchs, der nur Zentimeter entfernt Blut aus einer kleinen Pfütze geleckt hatte, trabte leise davon ...

 

 

02. April 1683

Morgengrauen, auf dem Weg nach Hernals

 

Beim ersten Hahnenschrei ging der Regen der Nachtstunden noch immer auf das Land nieder. Vor dem dreißigjährigen Florentinus Moser lagen verwaiste Straßen. In einer guten Stunde würde sich dies ändern, sobald die Feldarbeiter zu ihrem Tagewerk aufbrachen. Florentinus überquerte die Brücke, die sich zwischen dem Schottentor und dem Glacis spannte. Er war allein und auf dem Weg nach Hause. Die ganze Nacht über hatte er am nordwestlich gelegenen Stadttor Wache gehalten. Von der hüftlangen Jacke, ebenso wie von seinen schwarzen, nackenlangen Haaren, tropfte die Nässe herab.

In derartigen Momenten fluchte er darüber, nicht hinter den Stadttoren zu wohnen, sondern bis hinauf in den Vorort Hernals gehen zu müssen. Ein Pferd hätte eine beachtliche Erleichterung dargestellt. Allerdings ließ sich ein solches mit dreißig Pfennig nicht bezahlen. Alleine seine kleine Wohnung, in einem feuchten Dachgeschoss gelegen, fraß die Hälfte des Wochenlohns auf.

Zwei Kreuzwegfiguren kamen in Sicht. »Würde keinem fehlen, wenn es euch nicht gäbe«, murmelte er, während seine braune Iris mit den gelben Einschlüssen flüchtig über eine von ihnen hinweg glitt. Hernach blickte er starr geradeaus und ging weiter den unebenen Trampelpfad entlang. An manchen Stellen war dieser von den Fuhrwerken und dem Regen ausgespült. Florentinus war ganz und gar kein Freund der Kirche. Dementsprechend richtete sich seine Abneigung gegen die Sonntagsmesse, den Kreuzweg, der sich von Sankt Stephan bis zur Pfarrkirche von Hernals erstreckte, und besonders die Fastenzeit. Welche Ketzerei vonseiten der Pfarrer an diesen Tagen stattfand! Jedes Jahr aufs Neue! Einige mochten sich ja genügsam an einer dünnen Suppe laben, doch die Mehrheit scheute sich nicht davor, selbst während der Zeit des Verzichtes ein Wirtshaus aufzusuchen, um dort zu essen, zu saufen und zu spielen. So manche besuchten zudem die Huren in den Vororten, jedoch nicht, um ihnen die Beichte abzunehmen.

Vor Florentinus' innerem Auge stieg die Vergangenheit empor. Erinnerungen an eine grausame Kindheit. Die längst verheilten Narben auf seinem Rücken stachen unerwartet und zeugten davon, welche Qualen er unter der Obhut der Priester und Nonnen im Waisenhaus durchlitten hatte. Er spürte erneut die Schläge mit der Gerte, hörte die unablässigen Gebete für seine angeblich verlorene Seele und die wüsten Beschimpfungen aufgrund seiner Herkunft. Die Ordensschwestern hatten ihm stets prophezeit, als Trunkenbold zu enden. In ihren Augen das einzige Schicksal, das dem Sohn irgendeiner Hure, die bei der Geburt verstorben war, beschieden sein konnte. Was hatten sie nicht alles mit ihm angestellt! Ihn sogar der Besessenheit bezichtigt und ans Bett gefesselt, um ihm den Teufel auszutreiben. Er erinnerte sich gut an den geifernden Pfarrer, der die Bibel und den Rosenkranz in den feisten Händen hielt und ihm lateinische Worte entgegenspie, während eine Nonne ein rissiges, hartes Stück Holz zwischen seine Zähne schob. Ein schwerer Seufzer entwich Florentinus' Brust. Manche der anderen Jungen im Waisenhaus waren an diesen Exorzismen gestorben, doch er nicht. Vielleicht, weil er nach jenem qualvollen Vorfall keine Messe ausgelassen und alles dafür getan hatte, um seine Peiniger davon zu überzeugen, nunmehr ein gottesfürchtiger Katholik zu sein. Ein Bursche, den man nicht mehr züchtigen musste, ein weißes Schaf in der Herde des Herrn. Wirklich gebrochen hatten sie ihn jedoch nie.

Und dann eines Nachts, im Alter von 14 Jahren, war er davongerannt. Mit ein paar wenigen Kleidungsstücken im Gepäck, Richtung Wien. Dort hatte er zunächst eine Anstellung als Stallbursche gefunden und war später zur Stadtwache gelangt. Seit damals weigerte er sich, eine Kirche zu betreten.

In Hernals fiel dies natürlich nach wie vor auf, doch der Pfarrer Lukas Gruber sprach ihn längst nicht mehr darauf an. Wohlweislich, denn der erste Versuch, Florentinus vom Kirchgang zu überzeugen, war in einem bitterbösen Streit geendet. Seither blieb es bei einem Gruß, wenn sie aufeinander trafen. Florentinus verscheuchte die unangenehmen Erinnerungen. Er wollte sich lieber freuen, auf ein paar Stunden Schlaf, eine warme Mahlzeit und einen Becher Wein. Worüber er sich hingegen weniger freute, war der Umstand, dass sein Vorgesetzter ihn von der Stadtwache abgezogen hatte. »Dies ist deine letzte Schicht an der Mauer. Ab sofort sorgst für die Sicherheit der Leut in Hernals.« Insgeheim vermutete Florentinus, dass es bei der plötzlichen Versetzung um die Osmanen ging, die bereits auf Wien zurückten.